Berlins Kunstszene zwischen Jubiläumsrausch und inhaltlicher Leere
Sophia KellerBerlins Kunstszene zwischen Jubiläumsrausch und inhaltlicher Leere
Berlin's Kunstszene feiert in diesem Jahr mehrere Jubiläen – doch viele Institutionen stehen in der Kritik, weil sie Festlichkeiten über inhaltlich bedeutende Ausstellungen stellen. Die Neue Nationalgalerie hat mit der Vergabe ihres renommierten Nationalgalerie-Preises an Maurizio Cattelan eine Debatte ausgelöst. Der 65-jährige Provokateur ist für seine umstrittenen Werke bekannt, statt dass er Nachwuchskünstler fördert. Gleichzeitig veranstalten die Museen der Stadt weiterhin Events zu runden Jahrestagen, während wichtige Häuser geschlossen bleiben oder ihren ursprünglichen Zweck verlieren.
Die Entscheidung der Neuen Nationalgalerie, Maurizio Cattelan zu ehren, sorgt wegen der ungewöhnlichen Wahl für Aufsehen. Der italienische Künstler wurde mit Werken wie Comedian berüchtigt – einer an die Wand geklebten Banane, die für 6,2 Millionen Dollar verkauft wurde, bevor sie als PR-Gag verspeist wurde. Ein weiteres Werk, America, ein vergoldetes Klosett, lockte während der Vorschauen 25.000 Besucher an, erzielte später bei einer Auktion aber nur 12,1 Millionen Dollar – weit unter den Erwartungen. Kritiker werfen Berlin vor, einen Künstler zu feiern, dessen Marktwert offenbar sinkt.
In der ganzen Stadt nutzen Institutionen Jubiläen, um Aufmerksamkeit zu generieren. Die Museumsinsel beging kürzlich ihr 200-jähriges Bestehen, obwohl das Pergamonmuseum seit 2013 geschlossen ist und frühestens 2037 wiedereröffnet werden soll. Der Hamburger Bahnhof, einst ein zentraler Ausstellungsort für die Sammlung der Nationalgalerie, feiert sein 30-jähriges Jubiläum, während er seine ursprüngliche Funktion verliert. Selbst der 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit am 4. Juli blieb in Berlins Kunstwelt unbeachtet. Anderswo, wie in Münchens Pinakothek der Moderne oder der Berlinischen Galerie, stießen Jubiläumsausstellungen auf positive Resonanz. Doch in der Hauptstadt stellt sich die Frage, ob der Fokus auf runde Jahrestage ein Mangel an substanziellem Programm überdeckt.
Die Verleihung des Nationalgalerie-Preises an Cattelan unterstreicht Berlins Vorliebe für Spektakel statt Inhalt in der aktuellen Kulturstrategie. Während wichtige Häuser noch immer saniert werden und andere sich von ihrem ursprünglichen Auftrag entfernen, wächst die Skepsis gegenüber den Kunstinstitutionen der Stadt. Vorerst dominieren Jubiläen und prominente Namen – doch die grundlegenden Fragen nach Ausrichtung und Sinn bleiben unbeantwortet.